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Die 10 Säulen des Taijiquan

Traditionell wurden und  werden die Inhalte (Philosophie und Techniken) nur mündlich innerhalb der Familie bwz. Schule vermittelt. Die 10 Säulen des T´ai-chi ch´üan sind Niederschrift und Entwicklung von Chen Weiming. Dieser studiert bei Yang Chengfu den berühmten Yang-Stil (Familien-Stil der Familien Yang) und schrieb die wichtigsten Punkte dieses Familienstiles erstmals auf. Zwischenzeitlich wurden die 10 Säulen um zwei weitere ergänzt, welche eher erweiterung Erweiterung bzw. zur Verdeutlichung der ursprünglichen 10 aufzufassen sind.

 

1) Unterscheide klar zwischen Gewichtung und Leere

Das Zentrum des Körpers wird stetig nur von einem Bein getragen. Dieses Bein sollte mit entspannter Sohle auf dem Boden bzw. im Boden stehen / verwurzelt sein. Da die Taijiquan Formen von Bewegung und Schrittmustern geprägt sind, findet natürlich ein stetiger Wechsel zwischen Be- und Entlastung statt. "Leere und Gewichtung sollen klar unterschieden werden. Jeder Bereich weist in sich wieder Bereiche von Leere und Gewichtung auf" ("Klassiker des T´ai-chi ch´üan", S.34, 1979). Dies entspricht dem Wandlungsprinzip von Yin und Yang. Hierbei wird das belastete Bein, da es unbewegt ist, als Yin indentifiziert. Das unbelastete Bein, da es bewegt ist, wird als Yang indentifiziert. Das unbelastete Bein trägt maximal sein eigenes Gewicht. Yin = passiv; Yang = aktiv.

Während des Durchschreitens der Yin-Yang-Phase durchläuft die Gewichtung in den Beinen, von einem Bein zum anderen, alle Phasen von 100% bis 0% Prozent. Ebenso als fülle man einen vollen Eimer mit Wasseer in einen leeren Eimer um - anschließend wieder zurück.

2) In den Handtechniken ist Ruhe und Bewegung zugleich

Hände, Ellenbogen, Schultern - die oberen Glieder folgen in Bewegung und Richtung immer der Hüfte. Sie machen kein eigenständigen Bewegungen. Die sichtbaren Aktionen von Händen, Ellenbogen, Armen und Schultern sind die Auswirkungen bzw. die Resulate der Aktionen von Hüft- und Beinarbeit. So wie der dem Komet der Schweif folgt, so folgen Schultern, Arme und Hände auch den Hüften.

3) Halte alle Beingelenke entspannt und felxibel

"Werden die Beine im T´ai-chi ch´üan gepflegt erreicht man jeden Ort" (sp.) Nicht nur die Beinmuskulatur, die sich über die Dauer des Studiums den neuen Belastungen anpasst, kräftiger und leistungsstärker wird, sonder auch die Gelenke der Beinen sollten gepflegt werden. Sprunggelenke, Knie- und Hüftgelenke sind für alle Bewegungen wichtige Voraussetzung. Das Yin-Bein, welches belastet ist und den Körper trägt, sollte daher immer ein gebeugtes Knie aufweisen. Das Yang-Bein ist indess unbelastet und beweglich. Das Yin-Bein steht immer mit der gesamten Fußfläche am Boden. Die Fußfläche ist entspannt. Ebenso das Sprunggelenkt und das Knie. Zur Überprüfung der entspannten Kniebeuge des Yin-Beins, kann dessen Kniescheibe leicht bewegt werden. Das Yang-Bein indess wird nicht mit Anstrengung oder Kraft gehalten oder gesetzt. Je nach Ausführung kann es verschiedene Stellungen haben. Beispielsweise wird bei der "Katzenfußstellung" (Ding Bo), wie sie auch bei "Der Kranich breitet sein Flügel aus" Verwendung findet, das Yang-Bein mit den Zehen nicht auf den Boden gedrückt, die Zehen und das Fußgelenkt sind nicht angespannt, das Knie weißt eine leicht Beugung auf (immer bereit zum Treten). So wie also Yin und Yang als klare Gewichtung  beachtet werden sollte, so muss Yin und Yang auch als klare Spannung und Entspannung beachtet werden.

4)  Richtige Führung der Hände

Hände, Handwurzelknochen, Handgelenke und Unterarme sollten entspannt bleiben und eine ungefähre Gerade bilden. So wird die Zirkulation und des Qi, des Blutes und der Körpersäfte in den Händen und Fingern gefördert. Auch wenn es Ausführungen gibt bei denen bewußt Körperspannungen erzeugt werden, ist dies dennoch nur für Geübte von Vorteil. Die Finger sollten einen gleichmäßigen Abstand zueinander haben, Muskulatur in Fingern, Handflächen und Unterarmen ist entspannt. Die Haltung, je nach Figur, ist weitestgehend natürlich, was wiederum kein Erschlaffen meint. Im klassischen T´ai-chi ch´üan nennt man diese Haltung ein "gesetztes Handgelenk". Werden bei den verschiedenen Ausführungen die Handflächen gedreht, geschieht dies nicht über die Handgelenke sondern mittels der Unterarme. So bleiben Finger, Handgelenksknochen und Unterarmknochen in einer möglichst annähernden Gerade zueinander. Beide Hände, auch wenn sie wie bei den "Kranich-Figuren" weit auseinander stehen, sind immer durch den Qi-Fluss miteinander verbunden - einerseits durch den Qi-Fluss im Körper, andererseits durch den Qi-Fluss im Raum. Eine gute Möglichkeit zum Üben dieses Prinzips bieten die Wu-Chi-Übungen.

5) Schultern und Ellenbogen sind Erdverbunden

Schultern und Ellenbogen haben im T´ai-chi ch´üan eine ehr "passive Rolle". Anfangs sind beide entweder sehr verspannt und lassen wenig Bewegung zu oder sie werden zu oft und viel willentlich genutzt. Im T´ai-chi ch´üan bewegt sich der Körper durch Vorstellungs- und Willentskraft. Steigen bei den verschiedenen Figuren die Hände aufwärts, bleiben Schultern und Ellenbogen weitgehend passiv und "hängen" mehr an den Händen dran, als dass sie aktiv bewegt werden (z. B. "Das Wasser des Lebens schöpfen").  Die Vorstellungskraft lässt die Schultern und Ellenbogen eher abwärts tendieren. Gute Möglichkeit zum separieren der einzelnen Körperelemente bietet das Yijinjing, wobei es den Körper auch geschmeidiger macht.

6) Brust- und Beckenhaltung

Damit das Qi geordnet fließen und den Körper stützen kann, ist die korrekte Haltung und Position notwendig. Ebenso wie zum Trinken ein ordentliches Gefäß nötig is, damit das Getränk eingefüllt und ausgetrunken werden kann. Im T´ai-chi ch´üan betrifft dies, neben dem restlichen Körper, auch Brust und Becken. Ohne Atmung kann sich kein Qi anreichern und fließen. Daher sollte die Brust nicht herausgestreckt werden, aber im Gegenzug auch nicht zusehr eingebeugt werden. Kontrollieren kann man dies am Rücken zwischen den Schulterblättern. Wird die Brust zu stark eingewölbt, entsteht ein leichter Rundrücken - das Atmen ist nicht mehr natürlich. Wird die Brust zusehr aufgerichtet, nach vorne herausgestreckt, ist die Muskulatur am Rücken verspannt. Das Becken hingegen sollte leicht senkrecht stehen. Ebenso wie die Brust. Das Becken sollte also kein Hohlkreuz aufweisen und auch keine Wölbung am unteren Rücken verursachen. Das Steißbein ist relativ gerade. Stehen Brust und Becken optimal, kann sich das Qi im unteren Dantian (Xia Dantien) anreichern. Im Buch vom "Lied der Form und Funktion der 13 Stellungen" (S.37-38, 1979) steht: "Steht das Steißbein aufrecht, so dringt der Geist bis zum Scheitelpunkt durch. Der gesamte Körper ist beweglich, und der Kopf schwebt, wie an einem Faden aufgehängt."

7) Jin und der leere Nacken

Hals- bzw. Nackenbereich ist weitestgehend entspannt und daher locker. Der Kopf behält allerdings sein aufrechte Haltung. Durch Altagsbelastungen, die oft einseitige Nutzung der Muskulatur beinhaltet, entstehen oft Fehlhaltungen im Hals- und Nackenbereich. Dann ist der Kopf zu sehr gesenkt, nach vorne geschoben, das Kinn angehoben, etc.. Im T´ai-chi ch´üan ist der Nacken "leer". Der Halsbereich ist entspannt. Der Kopf ruht wie auf einem Thron, die Augen schauen nach vorne. Der Kopf bzw. das Kinn ist weder nach vorne, zur Seite oder nach hinten geneigt. Es wird in diesem Zusammenhang oft vom "goldenen Faden" gesprochen, der vom Scheitel ausgeht und an dem der Kopf aufgehangen ist. Dieser Faden ist Jin. Jin ist, einfach ausgedrückt, die "Kraft" des Qi, welche uns aufrecht stehen lässt und mit deren Hilfe wir Materie bewegen können. Sind also die Voraussetzungen für das Wirken von Jin gegeben, brauchen wir den Kopf nicht mehr bewußt gerade und "hoch" halten. Der Kopf befindet sich dann von alleine in der richtigen Position. Die Wirbelsäule ist gerade und aufrecht und leicht gestreckt. Was wiederum den Fluß von Körpersäften und Qi begünstigt. Da der Nackenbereich entspannt ist und in der korrekten Haltung ist, wird die Weiterleitung von Nervensignalen über das Rückenmark verstärkt und somit die Reaktionsgeschwindigkeit erhöhrt.

8) nach innen Blicken

Ähnlich wie bei verschiedenen Meditationsmethoden, ist auch beim T´ai-chi c´chüan die Innenschau notwendig. Es gibt Stile in denen bewußt, je nach ausgeführter Figur, auf bestimmte Bereiche bzw. auf die Hände geschaut wird. Zunächst, für Anfänger, ist es nicht wichtig wohin die Augen schauen, da erstmal die Körperhaltungen und -positionen gelernt werden. Geübte schauen dann gezieht auf die Hände / Bereiche umd den ersten Schritt zum "Abkoppeln" von der "Außenwelt" zu beschreiten und den Weg nach Innen zu finden. Fortgeschrittene schauen dann "frei". Sie haben einen weiten Blickwinkel bei welchem die Augen frei umherschweifen können - ohne zu fixieren. Augenlieder sind ebenso wie beim japanischen Zasen entspannt, die Pupillen verkleinern sich und das Bewußtsein strebt nach Innen. Somit kann ein "Verlieren des Geistes" vermieden werden. Ist der Geist im Inneren gesammelt kann er auf einen Punkt gelenkt, konzentriert und dort gestärkt werden. So erreichen die Techniken des T´ai-chi ch´üan ihre Wirkung. Kampfkunsterfahrene kennen diese Art des "Schauens" als Peripheres Sehen, bei dem dieWahrnehmung von Bewegung erhöht wird.

9) Absenken des Chi in das Xia Dantian

Wie bereits erwähnt spielt die Atmung im T´ai-chi ch´üan eine wichtige Rolle. Vielen ist die sogenannte Bauchatmung bekannt. Allerdings atmet man hierbei nicht tatsächlich in den Bauch. Damit die Bauchatmung "funktioniert" ist die korrekte Haltunge des Körpers Voraussetzung. Somit kann sich das Zwerchfell entspannen. Es senkt sich ab, ebenso wie Magen und Darm. Sichtbar wird dann die leichte Wölbung des Unterbauchs (daher "Bauchatmung"). Auf diese Weise kann sich die Lunge entspannen und sich nach unten ausweiten. Sie nimmt somit mehr Sauerstoff auf. Die Atemphasen werden länger und entspannter, worauf wiederum eine Gesamtentspannung des Körpers erfolgt. Ziel ist es diesen Zustand möglichst dauerhaft zu halten (in den Waffenformen gibt es Abweichungen). Wenn diese "Handhabung" vertraut ist und an Natürlichkeit gewinnt, wird das Chi aus dem Xia Dantian fließen und seinen Weg durch den Körper nehmen. Dann spricht man von einer Andauernden Bewegung des Körpers und des Chi. Man ist dann "im Fluss" bzw. " am Fließen".

10) Yin und Yang  sind rund

Die letzte der "10 Säulen des Taijiquan vereinheitlicht die vorhergehenden. Sämtliche Bewegungen folgend runden bzw. kreisförmigen Bewegunsglinien. Stiche, Blöcke, Schläge und Faußstöße (insbesondere in den Waffenformen) folgen diesem Prinzip. Eine Bewegung, ob ein einzelnes Köperelemnt oder der gesamte Körper, entsteht immer aus der vorangegangenen Bewegung heraus. Weißt die vorangegangene Bewegung Mängel auf, wird die nachfolgende Bewegung diese fortführen bzw. steigern. Sticht, blockt, schlägt, stößt oder schwingt der Körper, geschieht dies aus der vorangegangenen Bewegung heraus. Die Bewegung zuvor ist die Wurzel der folgenden Bewegung. Das ist der Kreislauf und fortwährende Wandel von Yin und Yang.

11) Verbundenheit

Zunächst lernt man die einzelnen Figuren einer Form. Anschließend werden diese Aneinandergefügt. Hierbei ist zu beachten, dass, obwohl diese "einzelnen Figuren" einzeln gelernt wurden, sie dennoch ein Gesamtes Bild. Gemäß dem Vers: "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile", werden die einzelnen Figuren wieder zu dem Gesamten zusammengefügt - zur Form. Dabei ist das Augenmerk auf folgendes zu richten: Langsamkeit, Gleichmäßigkeit, Leichtigkeit, aufrechte Haltung, korrekte Atmung. Ohne diese Punkte ist der Lauf der Form lediglich ein "dahinlaufen nach einem Muster".

12) T´ai-chi ch´üan ist eine Ganzkörperübung

Ebenso wie alle Beweungen auseinander hervorgehen und auf diese Weise zusammenhängen, ebenso beeinflußt das Studium des T´ai-chi ch´üan den Alltag , also den Umgang mit dem Umfeld, Ernährung, Tagesgestaltung und Pflege der eigenen Persönlichkeit, und so ist das Studium bzw. die konkrete Ausübung der T´ai-chi ch´üan-Formen eine "Ganzkörperangelegenheit". Die Ausübung schließt den physischen und mentalen Körper mitein. Sie umfaßt die Muskulatur und Knochen genauso wie die Organe. Je tiefer man sich in dieses Studium begiebt, desto mehr wird sich der Körper den Bewegungen anpassen: Hüfte, Beine, Rumpf und Becken werden kräftiger und flexibler (dies kann durch gesonderte Übungen unsterstützt werden). Alle Bereiche des Körpers sind also an der Ausführung beteiligt. In der klassischen Literatur heißt es hierzu: "Sobald man sich bewegt, gibt es nichts, das sich nicht bewegt; sobald man ruht, gibt es nichts, das nicht ruht." ("Mentale Erklärungen zum Ausführen der 13 Stellungen"; S. 36- 37; 1979). Diese Zusammenhänge sind auch bezeichnent für die Verknüpfung von Alltag und Übung. Zu wenig Schlaf, unsaubere Ernährung, schechte Aktivitäten im Alltag wirken sich äquivalent auf das Üben des T´ai-chi ch´üan aus.


Zusammenfassend sollte man sich also merken:

1. Gewichtung und Leere  - sollten unterschieden werden

2. Hände, Arme, Schultern - Ruhe und Bewegung zugleich

3. Beingelenke - entspannt und flexibel

4. Hände - Richtige Haltung und Führung

5. Schultern und Ellenbogen - sind "passiv"

6. Brust und Becken - korrekte Haltung

7. leerer Nacken - Jin begünstigen

8. nach Innen blicken - Wahrnehmung, Bewegung und Wirkung der Technik steigern

9. Absenken des Chi - Xia Dantian-Atmung ("Bauchatmung")

10. Yin und Yang - alles ist rund

11. Verbundenheit - alle Bewegungen hängen zusammen

12. Ganzkörperstudium - alles ist eins

 

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